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Meine Deutung hält BERG für „im höchsten Grade unwahrscheinlich". Seine Einwendungen dagegen bestehen in folgendem:

1. Die heutige Hydrographie besagt, daß die von der Moskva durchflossenen Gebiete nur selten sumpfig sind; daher soll die von mir gebotene ursprüngliche Bedeutung von Moskva nicht den Tatsachen entsprechen. Doch wenn ich behauptete, daß Moskva einen durch sumpfige Gegend fließenden Fluß bedeute, so wollte ich damit durchaus nicht sagen, daß die der 476 Werst langen Moskva anliegende Gegend überall so beschaffen war, sondern nur jene Stelle, die von den Ostslaven erstmalig, d. h. im 11. oder 12. Jahrh., erreicht wurde. Ferner leugnet ja BERG nicht, daß selbst heute noch die Moskva stellenweise durch sumpfige Gebiete fließt, um so weniger hat er das Recht dazu für eine Zeit, die acht oder neun Jahrhunderte zurückliegt: bei der ununterbrochenen Versandung der Flüsse und Austrocknung von Sümpfen, die in vielen Fällen erst im historischen Rußland stattfand, muß angenommen werden, daß es früher im Bassin der Moskva bedeutend mehr Sümpfe als heute gegeben hat.

2. Noch weniger beweisend ist der „geographische“ Einwand von BERG. „Es wäre doch sehr merkwürdig, meint BERG, wenn die Russen bei Besiedelung des von Finnen besetzten Landes diesem großen Fluß einen russischen Namen gegeben hätten, da er doch zweifellos schon einen einheimischen hatte". Diese Bemerkung hat mich nicht wenig erstaunt. Wenn sich BERG der Mühe unterzogen hätte auch nur einen flüchtigen Blick auf die Karte Rußlands zu werfen, so hätte er leicht in Gegenden, die zweifellos von Russen erst später besiedelt worden sind, eine Reihe von Flüssen mit rein slavischen Namen gefunden. Ich verweise dabei auf das erste beste Beispiel wie den Fluß Velikaja, der noch im 9. Jahrh. durch ein rein finnisches Gebiet floß, um von so großen Flußläufen wie die westliche Dvina und die Wolga, deren Namen aller Wahrscheinlichkeit nach gleichfalls slavisch sind1), zu schweigen.

1) Von den vielen Hypothesen über die Herkunft des Namens der Wolga ist am einfachsten und überzeugendsten diejenige, nach der in ihrer Wurzel die Schwundstufe von velg- (Volga⇒ Võlga — Volga)

3. Ferner weist BERG darauf hin, daß Flußnamen mit den Endungen -va und -ma, die in der syrjän.-perm. Sprachgruppe,,Wasser" bedeuten, auch im Gebiet der Mer'a vorkommen, was meiner Hypothese widersprechen soll. Hierher gehören z. B. Kl'az'ma, Ušma, Kinešma, Kostroma, Jachroma, Lama, Protva, Smedva, Nepr'a dva u. a.. Verweise auf so geartetes Material haben aber nur dann einen wissenschaftlichen Wert, wenn sie von einer genauen etymologischen Deutung eines jeden Namens begleitet werden. Da BERG eine solche nicht bietet, sind ihm eine Reihe bedauerlicher Fehler unterlaufen. So sind z. B. die drei letzten Namen wie Moskva von u-Stämmen gebildet, ihr -v- ist daher kein Bestandteil der Endung, sondern gehört zum Stamm; die anderen (Kostroma, Lama und sogar Ušma) können leicht auf slavische Wurzeln zurückgeführt werden und die restlichen schließlich können, selbst wenn sie finnischer Herkunft sind, was jedoch noch fraglich ist, wohl kaum, wie auch z. B. das bulgarische Osma, die Wurzel ma-,,Wasser" in sich schließen.

4. Ernster zu nehmen, ist folgender Einwand von BERG. „Falls Moskva im Slavischen tatsächlich, einen durch sumpfige Gegend fließenden Fluß' bedeutet, so müßte man in Rußland und den anderen slav. Ländern noch Hunderten von solchen Namen begegnen. Moskva kommt aber nur einmal vor und zwar in einer Gegend, die zweifellos in der vorrussischen Zeit von Finnen besiedelt war". Es kommt aber auch sonst vor, daß Ortsnamen von Wurzeln gebildet sind, die als Appellativa bereits lange vor Beginn des Schrifttums untergegangen sind. Und darin liegt ja auch nichts außergewöhnliches. Wenn viele hundert Wörter in historischer Zeit ungebräuchlich werden konnten, die noch durchaus der Umgangssprache angehörten, als die erste Chronik entstand, warum soll das nicht auch mit Wörtern der Fall sein, mit denen bereits früher gewisse Flüsse benannt sind? Selbst wenn die Behauptung von BERG, es gäbe nur eine Moskva, richtig wäre, so könnte damit meine gelieferte Etymologie doch noch nicht erschüttert werden. BERG hat aber unrecht. Im steckt; auf die Vollstufe der gleichen Wurzel geht *volga abg. vlaga, russ. vologa usw. zurück. Zum Namen der westlichen Dvina vgl. Verfasser Известия XXIII (1918), 2, 246 ff.

Slovakischen wird noch heute das Wort moskva mit der Bedeutung, mokré obilí d. h.,feucht geerntetes Getreide' gebraucht, vgl. stodola plná moskvy KOTT Česko-něm. slovník Nachtrag 3 S. 627. Der Umstand, daß moskva feuchtes Getreide bedeutet, bestärkt mich in der Annahme, der Wurzel mosk- müsse ursprünglich die Idee der Feuchtigkeit zugrunde gelegen haben. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, daß sich in Mähren im Kreis Znojemsko das jetzt verschwundene Dorf Moskovice befand (KOTT o. c. 186) und es heute noch in der Slowakei selbst im Kreise Turec das Dorf Moškovec (KOTT Příspěvky k čes.-něm. slovníku 215) gibt1). Und da man kaum Lust haben wird, Nachkommen der Iranier oder Kaukasier in Mähren oder der Slowakei zu suchen, bestätigt m. E. das slowak. moskva einwandfrei die slav. Herkunft von Moskva und zwar im gleichem Sinn, wie ich es in meinem Aufsatz erklärt habe.

Somit hält kein einziges der „geographischen" Argumente von BERG der Kritik stand. Was die sprachliche Seite der Frage anbelangt, so hat er diese ja fast gar nicht berührt, er zweifelte ja nur die Form *Mosky an, obgleich die uns überlieferten obliquen Kasusformen Moskëve, Moskëvь, Moskvi eine solche unbedingt sichern. Auch der von BERG vorgeschlagene Ausweg, daß Mosky durch Volksetymologie aus einem finnischen oder fennisierten Wort entstanden sein könnte2), ändert nichts an den Tatsachen3). 1) Auf diese drei Tatsachen hat mich nachträglich in einem Brief vom 27. März 1925 Prof. V. MACHEK aus Ternav, Tschechoslowakei, aufmerksam gemacht. Auch an dieser Stelle sage ich ihm meinen verbindlichsten Dank dafür.

2) Vgl. übrigens Zeitschr. IV S. 262 M. V.

3) Von meinen anderen sprachlichen Beweisen geht BERG nur auf das Adjektivum moskotilonyj ein: er sieht darin eine Entlehnung aus it. muscato, dem spätern moscatello. Obgleich eine ähnliche Ansicht auch von VASMER Грекославянские этюды III 131 geäußert worden ist, müssen wir sie doch aus folgenden Gründen ablehnen. Falls moskoto aus dem Roman. entlehnt wäre, müßte es *maskotz (bis zum 12. Jahrh.) oder *muskotz (nach dem 12. Jahrh.) lauten. Folglich wird durch eine Entlehnung weder der Wurzel vokalismus noch das Suffix erklärt, das m. E. nicht zufällig mit dem der Bedeutung nach nahen Formans in poln. wilgoć, Feuchtigkeit (aus *volgots) übereinstimmt. Energischer noch muß aber gegen die BERG'sche Etymologie vom Standpunkt der Semasiologie protestiert werden: weder im Altrussischen,

Meine Zusammenstellungen, die sich auf feststehende Tatsachen der russischen Sprachgeschichte und auf durchaus zuverlässige Zeugnisse der anderen Slavinen und idg. Sprachen gründen, Zusammenstellungen, bei denen ganz genau die Bedeutung des Suffixes, der Vokalismus, und der Wortakzent1) erklärt wird, beliebt BERG als „höchst gekünstelt" zu bezeichnen. An ihre Stelle setzt er aber eine ganze Reihe willkürlicher und phantastischer Thesen. So behauptet er Moskva sei ein hybrider Terminus aus finn. va,,Wasser") und einer „,japhetitischen", d. h. kaukasischen Wurzel *mosk-, die angeblich den Moozot (in Kolchis) bei Herodot, einem auch noch im 11. Jahrh. in Armenien bekannten Volke Mošok oder Mušk zugrunde liegen soll! Dieser Erklärungsversuch enthält eine große Anzahl von Merkwürdigkeiten. Falls Moskva von dem Stamm *moskov- gebildet ist, was die obenangeführten Tatsachen der russischen Sprache einwandfrei beweisen, ist es unmöglich, im letzten Teile des Wortes ein finn. -va,Wasser' anzunehmen2). Folglich müßte BERG Moskva für ein rein,,japhetitisches" Wort halten. Doch abgesehen davon, daß durch eine solche Hypothese die formale Seite des Wortes nicht erklärt wird, stößt man noch auf unüberwindliche Hindernisse im Konsonantismus des Namens: Moskva wurde ja nie und nirgends als *Mos-chva oder *Moškva ausgesprochen, wie man es nach der Hypothese von BERG erwarten müßte. Ihr Hauptmangel besteht aber darin, daß sie einer jeglichen historischen Grundlage entbehrt, denn es ist unbewiesen, daß Kaukasier jemals im Zentralen Rußland gelebt haben (trotz BERG S. 91). Allerdings beruft sich noch in der heutigen Sprache bedeutet moskote ein Gewürz, sondern stets nur einen feuchten, klebrigen gewöhnlich durch Auspressen gewisser Produkte erhaltenen Stoff. Die Grundbedeutung dieses Wortes wie auch des poln. moszcz muß also ausgepreßter, mehr oder minder klebriger Saft' gewesen sein. Diese Bedeutung kann sich aber im urslav. unabhängig vom Muskatbaum herausgearbeitet haben.

1) Als -Stamm muß *Mosky anfangsbetont gewesen sein. Und tatsächlich nannten im 16., 17. ja sogar 18. Jahrh. die Moskowiter, wie ich bereits in meinem Aufsatz nachgewiesen habe, die Stadt Mòskva. Hinzugefügt sei, daß diese ältere Betonung sich noch heute in einigen Dialekten findet. Vgl. z. B. Gouv. Vologda Kr. Tot mа (мат. для нзуч. вр. гов. IX 65), Gouv. V'atka Kr. Sloboda (ib. 104).

2) Vgl. auch VASMER Zeitschr. IV S. 262.

BERG auf die Ansicht von N. MARR, daß,,Skythen den Japhetiten zugrunde lagen", diese Hypothese beruht aber hauptsächlich auf Etymologien, bei denen ein zufälliger Gleichklang der Wörter die größte Rolle spielt. Eine solche Methode kann natürlich die jetzt allgemein anerkannte These von der iranischen Herkunft der Skythen (vgl. neuerdings die vortreffliche Arbeit von VASMER Untersuchungen über die ältesten Wohnsitze der Slaven I. Die Iranier in Südrußland Leipzig 1923) nicht im geringsten erschüttern.

Kazań

Nachtrag zum obigen Aufsatz.

G. ILJINSKIJ

Wenn gegen die oben nochmals ausgeführte slavische Deutung des Namens von Moskau von seiten eines Geographen der Einwand erhoben wird, das Gebiet des Moskva-Flusses sei nicht sumpfig, so glaube ich, daß die ILJINSKIJ'sche Erklärung sich doch halten läßt, wenn man eine Umdeutung eines ursprünglich nicht-slavischen Namens mit Hilfe der von ILJINSKIJ festgestellten slav. Wortgruppe annimmt. Aus diesem Grunde ist der Hinweis auf finnische Ortsnamen wie Masku vielleicht doch noch nicht überflüssig. Vgl. auch unten S. 262.

Nachträglich macht mich der verehrte Verf. des obigen Aufsatzes darauf aufmerksam, daß heute noch im Zamoskvorečje, den Kremlmauern gegenüber, eine Болотная Площадь sich befindet, die früher Еолото hiеß. Hier fand u. a. die Hinrichtung des Steńka Razin statt.

Berlin

Zur Etymologie von Preßburg

M. V.

Gegenüber J. MELICH, der in dieser Zeitschr. I 79 f. den Namen von Preßburg zum čech. PN. Břetislav, alt Bracislav, gestellt hatte, habe ich ebenda II 58f. lautliche Bedenken vorgebracht, welche HOLTZMANN II 377 f. zurückzuweisen sucht. Da es sich nicht nur um die Etymologie dieses ON., sondern auch um Fragen der bairisch-slavischen sprachlichen Berührungen handelt, sei mir gestattet, noch einmal dazu das Wort zu ergreifen. Es

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