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Kreise durch seine Analyse der lautlichen Struktur des russischen Verses interessiert (Nr. 5—9). Endlich hat V'AČESLAV IVANOV (seit 1919 Professor der klassischen Philologie an der Universität Baku) in seiner „Poetischen Akademie“ Dichter und Philologen, die an der Untersuchung der poetischen Form und der allgemeinen Probleme der Dichtung als Kunst interessiert sind, zusammengeschlossen (1909–1912). Namentlich wirkten hier durch Vor-' träge über theoretische Fragen der Dichtkunst anregend der seit langem die Formprobleme auf dem Gebiet der klassischen Philologie bearbeitende Philologe Tu. ZIELIN'SKI, sowie der klassische Philologe, Übersetzer des Euripides und bekannte lyrische Dichter INNOKENTIJ ANNENSKIJ.

Während der Kriegsjahre (1915-1917) boten infolge jener verschiedenartigen Einflüsse die methodologischen Fragen der Literaturwissenschaft in den neuerdings begründeten Literaturgesellschaften an den Universitäten Petersburg und Moskau (z. B. in der von Prof. VENGEROV an der Petersburger Universität gegründeten PUŠKIN-Gesellschaft) den Anlaß zu lebhaften Diskussionen. Fast immer einigte man sich dahin, daß die herrschende kulturgeschichtliche Behandlung der zeitgenössischen Dichtung der historischen und theoretischen Poetik weichen müsse.

Diese neue Fragestellung wurde zum erstenmal öffentlich erörtert im Dezember 1916 auf dem Ersten Moskauer Kongreb der Lehrer für russische Sprache und Literatur. Unerwartet kam es hier zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen den Anhängern der sozialgeschichtlichen und der ästhetischen Richtung.

Ende 1916 und Anfang 1917 trat auch zum erstenmal eine Gruppe junger Petersburger Sprachforscher und Literaturtheoretiker mit Sammelbänden zur Theorie der russischen Dichtersprache (Sborniki po teorii poetičeskogo jazyka Lief. I-II vgl. NN 50 und 46) hervor, die sich später zu einer „Gesellschaft für Dichtersprache“ („Obščestvo poetičeskogo jazyka“, abgekürzt „Opojaz“) zusammenschloß. Diese Gesellschaft hat während der letzten Jahre in der Ausarbeitung der sogen. „formalen Methode“ eine besonders beachtenswerte Rolle gespielt. Verschiedene für die Fragen der Poetik interessierte junge Gelehrte haben sich an der Arbeit dieser Gesellschaft beteiligt; aber unter dem Einfluß von Viktor ŠKLOVSKIJ, dem Begründer und Vorsitzenden der Gesellschaft, bildete sich allmählich ein engerer Kreis von Gesinnungsgenossen, die ein vollendetes methodologisches System für die Literaturbearbeitung schufen und ihre Prinzipien in einen scharfen Gegensatz zur eklektischen Richtung der alten Literaturwissenschaft stellten. Der „Opojaz“ (V. ŠKLOVSKIJ, B. EICHENBAUM, Ju. TYN'Anov und einige andere) hat mehrfach seine Thesen zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion gemacht und ist bis heute eine wissenschaftliche Richtung mit historisch-ästhetischen Prinzipien, während die übrigen „Formalisten“ bei der Bearbeitung von Fragen der Poetik verschiedene vom System des Opojaz unabhängige Richtungen vertreten. In Moskau schlossen sich die extremen Vertreter der neuen Richtung“ in der Moskauer Sprachwissenschaftlichen Gesellschaft (seit 1918) zusammen.

Seit 1920 besteht am Kunsthistorischen Institut in Petersburg eine Literarhistorische Abteilung, der wissenschaftliche Mittelpunkt für die Bearbeitung von Fragen der Poetik. Das Institut ist bestrebt, den Unterricht in der Literaturgeschichte als einer kunsthistorischen Wissenschaft auf Grund der neuen Formprinzipien zu gestalten. Das hauptsächlichste Unterrichtsfach ist die russische Literatur des XVIII—XX. Jahrh., dargesteilt in einer Reihe von Spezialkursen unter besonderer Berücksichtigung der Formprobleme; die historischen Kurse gehen Hand in Hand mit den theoretischen über Fragen der Poetik, Metrik, Theorie des Romans, Dramas etc. und der Theorie der poetischen Sprache im Zusammenhang mit der Geschichte der russischen Literatursprache.

Im Frühling 1921 wurde an diesem Institut eine Gesellschaft für die Erforschung der Sprachkunst gegründet, um einen Zusammenschluß der für Formprobleme interessierten Gelehrten Petersburgs zu schaffen. Über die Tätigkeit des Instituts vgl. N 36. Seit 1923 werden vom Institut besondere Veröffentlichungen unter dem Titel „Voprosy Poetiki“ herausgegeben. Bisher liegen 5 Lieferungen vor (vgl. N 24). Ein Erfolg der „formalen“ Bewegung war auch die Einführung der Poetik als Lehrfach an den russischen Universitäten. Seit dem Herbst 1923 besteht am Forschungsinstitut für vergleichende Sprach- und Literaturgeschichte an der Petersburger Universität eine Sektion für literarhistorische Methodologie und allgemeine Literaturwissenschaft. Vorsitzender dieser Sektion ist Prof. B. EICHENBAUM.

Die kritische Literatur über die formale Methode, die zustimmende, sowohl wie die polemisierende, ist sehr groß. In den letzten Jahren sprachen sich über einschlägige Fragen aus: P. SAKULIN und N. PIKSANOV (Moskau), A. BELECKIJ (Charkov), A. HORNFELD und A. SMIRNOV (Petersburg) (vgl. NN 48-49, 43, 2–3, 25, 51-52), die gegen die Einseitigkeiten der jungen Richtung polemisierten und zugleich in bedeutendem Maße die positiven Resultate ihrer Arbeiten annahmen. Selbst L. TROCKIJ hielt es für notwendig, sich zu der Frage zu äußern, die allgemeines Interesse erregt. Er erkannte die Errungenschaften der Formalisten auf dem Spezialgebiet der Erforschung der poetischen Technik als nützlich an, stellte jedoch gleichzeitig der formalistischen Methodologie seine marxistische Kunstsoziologie gegenüber (N 53). Es ist auch nötig die Spaltung innerhalb der Formalisten selbst in Betracht zu ziehen. Von den extremen Vertretern der neuen Schule (Gruppe Opojaz), die die formale Methode als das einzige gesetzmäßige Prinzip in der wissenschaftlichen Literaturgeschichte anerkennt, splittert sich eine gemäßigte Gruppe ah (vgl. den polemischen Aufsatz des Verfassers „Zur formalen Methode“, der gegen die „orthodoxen“ Formalisten gerichtet ist N 33). Der Moskauer „Opojaz“, der sich um die Zeitschrift „Lef“, das Organ der russischen Futuristen (MAJAKOVSKIJ) gebildet hat, sucht nach einem Ausgleich zwischen der formalen Analyse und der marxistischen Soziologie. Eine Gruppe Petersburger Sprachforscher nimmt in der Sammlung „Russkaja Reč“ (N 47) nicht selten gleichfalls eine den Formalisten feindliche Stellung ein (vg?. VINOGRADOV „Die Aufgaben der Stilistik“ N 20). Trotz mancher Abweichungen in philosophischen, historischen, ästhetischen und sprachlichen Fragen werden aber die verschiedenen Richtungen der Formalisten durch die gemeinsame Auffassung der Dichtung als Kunst ud der Sprache als Stoff des dichterischen Schaffens einander nahe gebracht. Für Rußland neu sind Fragestellung und konkrite Ergebnisse.

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II. Methodologische Probleme. 1. Literaturgeschichte und Kunstgeschichte.

Wie schon oben gesagt, betrachten die Vertreter der neuen Richtung die Literatur als Kunst, die Literaturwissenschaft als Kunstwissenschaft und stellen die Literaturgeschichte auf eine Linie mit den darstellenden Künsten, der Musikgeschichte usw. Sie tun dieses im Gegensatz zu den Richtungen der russischen Literaturgeschichte des ausgehenden XIX. Jahrh., die gewohnt waren, ein Literaturwerk als Niederschlag der gesellschaftlichen, philosophischen und religiösen Ideen einer Zeit oder der seelischen Erlebnisse eines Dichters zu betrachten. Die Probleme der Poetik sowohl des einzelnen Dichters, einer Epoche oder Schule, als diejenigen der theoretischen Poetik stehen im Mittelpunkt des Interesses der Vertreter der formalen Methode.

An Stelle der traditionellen Literaturgeschichte, die an einem Eklektizismus der Gesichtspunkte und Methoden litt, tritt seit dem Vorgange VESELOVSKIJ's die historische Poetik als die Geschichte der literarischen Gattungen und Stilarten in den Vordergrund (vgl. N 28). Zwischen den gemäßigten und extremen Formalisten besteht übrigens eine Meinungsverschiedenheit darüber, ob die Aufgaben der Literaturgeschichte mit den Aufgaben einer historischen Poetik erschöpft sind oder, ob die Literaturwissenschaft nicht auch noch andere Aufgaben haben kann, die außerhalb der kunsthistorischen Probleme liegen (vgl. N 33).

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2. Form und Inhalt. Bei der Betrachtung eines Literaturwerkes als Kunstwerk, d. h. vom Standpunkt der Poetik, bestreiten die Formalisten die Berechtigung der traditionellen Einteilung nach Form und Gehalt (vgl. z. B. NN 68 und 28). Dieser Einteilung liegt unbewußt die traditionelle Metapher des primitiven Denkens zugrunde, das den Inhalt einer Flüssigkeit, die Form einem Gefäß gleichsetzt, in das diese Flüssigkeit gegossen wird. Es führt zur Betrachtung der Form als einer äußeren unorganischen Zugabe zum Inhalt, eines Zierrates oder Anhängsels, und damit zur Gleichsetzung des Inhaltes eines Kunstwerkes mit einem außerästhetischen, empirischen Lebensgehalt (z. B. zur Analyse der Psychologie eines Helden vom Standpunkt der Psychologie des alltäglichen Lebens oder sogar der Psychopathologie). Dabei sind aber vom rein künstlerischen Standpunkt alle Elemente eines dichterischen Kunstwerks Form, d. h. sie haben ihren Anteil an der künstlerischen Gesamtwirkung und in diesem Sinne muß metrischer Aufbau, Literaturstil, Komposition, Wahl des Themas, alles was gewöhnlich zum Stofflichen gezählt wird — Charakter des Helden, Milieu und Fabel - gleichmäßig als künstlerische Wirkungsmittel betrachtet werden. Nach der Formulierung von ŠKLOVSKIJ, die von seinen Anhängern aufgegriffen wurde, ist das dichterische Kunstwerk, wie jedes andere Kunstwerk, gleich der ,,Summe seiner Wirkungsmittel"; daher die Literaturgeschichte eine Geschichte der künstlerischen Wirkungsmittel der Dichtung (vgl. N 58 und 85). Eine weitere Bestimmung des Begriffs ,,Wirkungsmittel“ wird durch die Lehre vom Stil gegeben, als einer organischen Einheit oder einem System von wechselseitig-bestimmten Ausdrucksmitteln, deren Verhältnis zueinander durch die immanente Teleologie des Kunstwerks geregelt ist (dazu der Verfasser in ,,Aufgaben der Poetik" N 28). Andrerseits fassen ŠKLOVSKIJ, EICHENBAUM und deren Schüler das System der Wirkungsmittel eines Kunstwerks nicht als eine harmonische Einheit, sondern als eine Beherrschung einer Gruppe von Wirkungsmitteln durch eine andere dominierende; dabei gestalten die dominierenden Wirkungsmittel oft alle übrigen, ihnen untergeordneten, um (vgl. hierzu neuerdings Ju. TYNANOV N 62). Der aus der Ästhetik von CHRISTIANSEN übernommene Terminus ,,Dominante“ wird der Unterscheidung poetischer Richtungen und Stile zugrunde gelegt (so beherrschen z. B. die Elemente der melodischen Wirkung oft die Lyrik, indem sie zugleich die Bedeutungselemente zurückdrängen); eine „Dominantenänderung“ bewirkt eine Stiländerung.

3. Die Faktoren der literarischen Evolution.

Auf Grund solcher theoretischer Voraussetzungen versuchen ŠKLOVSKIJ, EICHENBAUM und die übrigen Anhänger ihres Systems, die Dynamik der kunsthistorischen (speziell der literarhistorischen)

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