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Entwicklung aus der immanenten Dialektik der kunsthistorischen Erscheinungen zu erklären, indem sie die Entwicklung der Kunstformen von deren Wechselbeziehungen zu den übrigen kulturhistorischen Tatsachen loslösen. Neue Formen, sagt ŠKLOVSKIJ, entstehen nicht als Ausdruck für einen neuen Inhalt, sondern nur um veraltete Formen zurückzudrängen (vgl. N 68). Die Kunst ist eine Befreiung vom Automatischen des alltäglichen Lebens (man beachte hier den Einfluß der Ästhetik BERGSONS). Eine solche Einwirkung ist aber nur solange möglich, als die Wirkungsmittel der Kunst für den Aufnehmenden noch ungewohnt sind und seine Aufmerksamkeit fesseln; hieraus erklärt sich die „schwere Form“ in einer jeden Kunst: die Kunst strebt nicht geradlinig auf dem kürzesten Wege ihrem Ziele zu, ihr Weg bildet vielmehr eine krumme Linie, und nur solange bleibt sie ihrer Wirkung sicher, als uns das Maß, der Grad dieser Krümmung noch fühlbar ist. Im Laufe der Zeit verlieren diese neuen Kunstformen ihre Originalität, werden verbrauchte Schablonen und als solche, automatisch aufgenommen, verlieren sie ihre Wirkung auf das Kunstgefühl. Dann entsteht das Bedürfnis, durch neue Wirkungsmittel den herrschenden Kanon zu überwinden. In der Literatur einer jeden Zeit bestehen nebeneinander verschiedene Strömungen, die sich oft durch die Art ihrer künstlerischen Ausdrucksmittel stark voneinander unterscheiden: die einen von ihnen beherrschen das künstlerische Bewußtsein ihrer Zeit und bilden den Kanon, die anderen bleiben eine Zeitlang als Unterströmungen, als „jüngere Richtung“ verborgen. Gewöhnlich führt die Entwicklung der herrschenden Ausdrucksmittel zur Kanonisierung einer jüngeren Richtung, die dann für einige Zeit den Vorrang behält, bis sie ihrerseits der allgemeinen Entwicklung erliegt und in ihren Ausdrucksmitteln zur Schablone wird (vgl. N 70). In diesem System wird der Parodie eine besonders große Bedeutung beigelegt als einem Mittel zur Überwindung literarischer Schablonen: die Parodie brandmarkt die zu Schablonen gewordenen Ausdrucksmittel oder trägt zu ihrer Umgestaltung bei, indem sie sie durch Ironisierung in ein anderes Licht rückt (vgl. Ju. TYNANOV N 59).

Gegen diese, bei den extremen Formalisten sehr populäre

Theorie wurden von seiten der gemäßigten Einwände erhoben. Die letzteren weisen auf den Zusammenhang zwischen der Evolution der Kunststile und den übrigen Kulturwerten hin und auf die Abhängigkeit der Literaturentwicklung von der allgemeinen kulturellen Evolution. Sie halten es für erwünscht, daß bei literarhistorischen Untersuchungen die ästhetische Evolution für sich betrachtet werde (z. B. die Evolution der literarischen Gattungen) und sehen darin einen gesetzmäßigen Vorgang. Er kann natürlich nicht den Anspruch erheben den realen historischen Vorgang erschöpfend darzustellen, in dem die ästhetischen Faktoren in steter Wechselwirkung mit den außerästhetischen stehen.

4. Poetik und Sprachwissenschaft. Die Sprache ist für den Dichter der Stoff, daher ist die Dichtung eine Sprachkunst, deren Eigentümlichkeiten in starkem Maße durch die besonderen Eigenschaften ihres Stoffes, des Wortes, bestimmt werden. Daher ist die heutige Literaturwissenschaft bestrebt, Poetik nd Sprachwissenschaft einander zu nähern. In Rußland hat A. POTEBN'A (vgl. oben S. 119) die sogen. „sprachwissenschaftliche Theorie der Dichtung“ begründet. Er stellt zwei Sprachtypen: den poetischen und den prosaischen (wissenschaftlichen) einander gegenüber, die in seinem psychologischen System den zwei Denkarten, der bildlichen und der abstrakt-logischen, entsprechen. Die neue Strömung in der Poetik polemisiert zwar mit der Lehre von POTEBNA als einem ästhetischen und psychologischen System, knüpft aber an seine Unterscheidung der zwei Grundtypen der Sprachtätigkeit an. Gleichzeitig stützt sie sich auf die gegenwärtig weitverbreiteten Strömungen in der Sprachwissenschaft, die eine Reaktion gegen die Methoden der Junggrammatiker bilden (in Frankreich — DE SAUSSURE und seine Genfer Schüler Bailly und SECHEHAYE; in Rußland die Petersburger Schule von BAUDOUIN DE COURTENAY). Je mehr die heutige Wissenschaft sich von dem starren System alter Sprachstudien ab-, und dem Studium lebender uns unmittelbar zugänglicher Sprachen zuwendet, desto mannigfaltiger ist der sich ihr darbietende Sprachgebrauch, der sich je nach dem Zweck verschieden gestaltet. Durch eine solche Gruppierung, entsprechend den Zwecken, entstehen verschiedene sprachliche Systeme. Ihre Einheit wird durch die verschiedenen Funktionen unserer Rede bestimmt, deren sich der Sprechende in verschiedenen Lebenslagen bedient, z. B. die wissenschaftliche Sprache, die intime Umgangssprache, die Sprache des politischen Redners, die künstlerische Sprache.

Von ähnlichen Gedanken ausgehend stellt L. JAKUBINSKIJ (N 86—88) die Sprache des praktischen Lebens, die eine Mitteilung (communicatio) bezweckt, der poetischen Sprache, für die sprachlicher Ausdruck Selbstzweck ist, gegenüber. Der Begriff „sprachliche Äußerung als Selbstzweck“ (nach der Formulierung von R. JAKOBSON (N 85): „eine Äußerung bei der der Nachdruck auf die Art dieser Äußerung gelegt wird“), spielt in den neuesten Arbeiten über russische Poetik eine große Rolle unter dem Einfluß der Ästhetik des russischen Futurismus. Im Gegensatz zu den Symbolisten, die das Wort in der Poesie nur symbolisch gefaßt wissen wollen, vertritt dieser die Theorie von dem Wort als Selbstzweck. Diese Auffassung wurde in neuester Zeit einer Kritik unterzogen und es ergab sich: der Selbstzweck ist tatsächlich ein Merkmal des Ästhetischen (nach Kant ,,eine Zweckmäßigkeit ohne Zweck“), das Ästhetische macht er aber allein nicht aus und er findet sich auch außerhalb des Ästhetischen (N 28a). Von JAKUBINSKIJ wurden alle übrigen Versuche beeinflußt, die verschiedenen Funktionen unserer Rede voneinander abzugrenzen und die dabei sich ergebenden Typen der sprachlichen Äußerung festzustellen. Dabei enthalten die Arbeiten über Poetik wenig über die allgemeinen ästhetischen Probleme der künstlerischen Sprache; sie beschreiben und klassifizieren vielmehr die konkreten Stilmittel als die verschiedenen, von den jeweiligen Kunstabsichten geforderten Formungen des sprachlichen Stoffes. Charakteristisch ist die ausgiebige Verwertung der sprachwissenschaftlichen Terminologie bei den Stiluntersuchungen, besonders auch die sprachwissenschaftliche Vertiefung der von der antiken Stilistik überlieferten Kategorien. Im Aufsatz „Die Aufgaben der Poetik“ (N 28) versucht der Verfasser, die poetischen Stilmittel nach sprachwissenschaftlichen Kategorien zu klassifizieren, indem er von einer Betrachtung der Stilistik als einer Lehre von der poetischen Sprache ausgeht (anderer Ansicht ist P. SAKULIN, vgl. N 48).

Unter den Formalisten herrschen wesentliche Meinungsverschiedenheiten über das gegenseitige Verhältnis von Poetik und Sprachwissenschaft. Die extremen Vertreter der sprachwissenschaftlichen Richtung wollen die Poetik der Sprachwissenschaft untergeordnet wissen: die Literatur sei die ,,Sprache in ihrer ästhetischen Funktion“, behauptet R. JAKOBSON, die Sprache eines Kunstwerks soll mit Hilfe sprachwissenschaftlicher Methoden als eine besondere individuelle Mundart behandelt werden (N 85). Mit Hilfe der gleichen Methode behandelt VINOGRADOV (N 21) das „Sprachbewußtsein des Dichters“ in der Arbeit über eine zeitgenössische Dichterin (A. ACHMATOVA). Andrerseits haben Literarhistoriker (B. EICHENBAUM und der Verfasser) wiederholt Einwendungen erhoben gegen eine Unterordnung der Literatur unter die heteronomen Aufgaben der Sprachwissenschaft. Charakteristisch für die Dichtersprache ist nach ihnen die Auswahl einer individuellen Mundart unter den gegebenen sprachlichen Elementen im Hinblick auf eine bestimmte künstlerische Aufgabe (N 28, 28a, N 78 Vorwort). Außerdem ist darauf hingewiesen worden, daß dem Sprachmaterial in den verschiedenen Literaturgattungen nicht die gleiche Bedeutung zukommt: während das lyrische Gedicht ein Kunstwerk im engsten Sinne des Wortes ist, ist die Sprache des heutigen Romans (sowohl des Abenteuerals auch des psychologischen Romans) ein System von abstrakten Zeichen, die sich in künstlerischer Beziehung ebenso neutral verhalten wie die Sprache des praktischen Lebens (N 33). Es scheint jedenfalls, daß das heute viel behandelte Problem der Handlung sich nicht in den Rahmen einer einseitig sprachwissenschaftlich orientierten Poetik fügt, trotz der Versuche der extremen Sprachwissenschaftler, es den erweiterten Kategorien der poetischen ,,Semantik“ unterzuordnen.

5. Kunstwissenschaft und Kunstgeschichte.

Es sei hier noch auf eine andere Eigenart der neuen Richtung verwiesen, die nicht nur für die Poetik, sondern auch für die übrigen neuen Methoden der Kunstbetrachtung charakteristisch

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ist. Im 19. Jahrh. stand die Kunst im Zeichen einer eng historischen Betrachtung. Im 20. Jahrh. hört die Alleinherrschaft der historischen Probleme auf. Der neue Begriff ,,Kunstwissenschaft“, der sich seit einiger Zeit neben dem alten der „Kunstgeschichte“ eingestellt hat, läßt sich auch auf die neue Poetik anwenden. Neben den gewohnten historischen Problemen treten neue, die der allgemeinen (oder theoretischen) Poetik, auf. Eine solche Poetik lehnt natürlich die dogmatischen Formeln des französischen Klassizismus ab und sucht eine Stütze im umfangreichen historisch-vergleichenden Material. Sie schreibt dem Dichter keine technischen Regeln vor, sondern versucht die von ihm tatsächlich angewandten Mittel zu beschreiben und zu systematisieren. Ja, es läßt sich sogar behaupten, daß zur Zeit der wissenschaftlichen Krise die historischen Probleme zeitweilig von den theoretischen verdrängt wurden. Man versuchte das Ansich einer Dichtung zu analysieren, indem man sie als ein geschlossenes System von künstlerischen Wirkungsmitteln betrachtete, ohne sie in einen historischen Zusammenhang zu stellen (vgl. VINOGRADOV N 20). Damit im Zusammenhang steht auch die stärkere Berücksichtigung der neuesten Literatur, die früher nur in Zeitschriftenbesprechungen beachtet wurde. Die zeitgenössische Literatur, unmittelbar für unser Kunstgefühl verständlich, ist ein besonders beliebtes Thema immanenter Analyse und theoretischer Betrachtungen geworden (vgl. die zahlreichen Arbeiten über BR’usov, BELYJ, MAJAKOVSKIJ, besonders aber über Blok und die ACHMATOVA; Z. B. von B. EICHENBAUM NN 81,84; V. ŽIRMUNSKIJ NN 27, 30, 31; V. VINOGRADOV N 21; S. BERNSTEIN 111; R. JAKOBSON N 85 u. a.). Die bei der Behandlung aktueller Fragen der zeitgenössischen Kunst sich ergebenden theoretischen Probleme werden auf die Erscheinungen der historischen Vergangenheit angewandt, deren Erklärung man in den unmittelbaren künstlerischen Erlebnissen der Gegenwart sucht. Auch hierin fällt die Übereinstimmung mit der modernen Sprachwissenschaft auf. Auch sie geht von der Selbstbeobachtung, von der Analyse des heutigen Sprachgefühls aus und behandelt neben den traditionellen Themen der historischen Sprachwissenschaft das scheinbar in Vergessenheit geratene immanente Problem ; die statische

Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. I.

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