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In der Volkssprache sind die Namen der schwedisch-russischen Fürsten Ing(v)arr, Helgi, des Polotsker Fürsten Rognvaldr mit der Tochter Ragn(h)ē(i)đr, Gudlefr (früher Guðleifr), Hákon zu: Игорь, Ольгъ, Рогъвол()дъ (980) und Рогънѣдь (Ипат. лѣт.2 64), Гълѣбъ, Якунъ umgestaltet worden. Der Name Ольгъ hat sich aus der Form *Elogo entwickelt, unter Übergang des anlautenden e- in o-, wie das auch in andern Wörtern eintrat, z. В.: Олëна || gr. Elévn, oзepo || ěžeras (poln. jezioro), ольxа || altbulg. jelexa. Ольгú († 913) „Helgi“ und Ольгa († 969) „Helga“ sind wegen ihres Vokalismus jüngere Namen als Лaдora, das aus einer früheren Form Aldagā stammt (1311 in den Akten Oldaga; in skandinavischen Quellen Aldegjuborg „Stadt Ladoga“, Aldegja „Ladoga-See"). Daraus folgt, daß zu Oleg's Zeit († 913) die Slaven von der Küste des Ladogasees bereits, wie auch zur Zeit Ostromir's (1056/7), schon voloděti, gorod, laní, lokútь, ratajó, robota sprachen. Die Slaven von Ladoga und der Gegend von Nowgorod werden noch vor der Ansiedlung der skandinavischen Waräger unter den Slaven, Kriewen und Poljanen, d. h. vor 839-862, valděti (oder vielleicht vålděti?), gardu(n), ālni, alkuti, ārtāji, arbatā gesprochen haben. Der Warägername Helgi mußte wegen seines weichen in slavischem Munde zur Form Ольгь werden. Wo die Slaven damals ein hart aussprechen hörten, dort schoben sie nach dem 7 den Vokal (oder ein kurzes u) ein. Die Slaven des IX. Jahrh. gaben lat. altare durch oльтарь wieder, welches im XI. Jahrh. Kiew erreichte. Das Wort oлтарь der Kiewschen Poljane des XI. Jahrh. sprechen heute die Ukrainer vivtár aus. Somit haben die Slaven den Aldaga-See noch zu der Zeit erreicht, als in ihrer eigenen Sprache noch alni „лань“, alkuti „локоть", galvã „голова" und gardu „городъ“ gesprochen wurde. Damals wurden die Slaven auf finnischem Boden mit den finnischen Wörtern aldaga, salmi „Meerenge, Sund", und särki „cyprinus rutilus" bekannt. Als dann die Nordslaven ihre eigenen Wörter alni „lett. aÎne“, alkuti „lit. alkūnė, d. Ellenbogen", galvā, gardu als лань, локъть, голова, городъ zu sprechen begannen, da mußten auch die Wörter finnischer Herkunft: aldagā, salmi und sargi in die Formen Ладога, соломя, copora übergehen. Diese Spracherscheinung wird noch vor den Jahren

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839-862, also noch bevor die Schweden (Waräger, Ruotsi) unter den Slaven (Ладога, Новъгородъ), Kriewen (Полотьскъ) und Poljanen (Kыевы) Fuß faßten, eingetreten sein.

7. Якунь (altisl. Hákon, altschwed. Hakun) stellte sich an Stelle der Form Акунь еin, entsprechend dem russischen Lautgesetz: a- > ja-, z. В. яблоко, ягода, wo я an Stelle des zu erwartenden a tritt wie auch in dem aus dem altschwed. ask- (Nom. asker, altisl. askr) „kleines Gefäß" entlehnten altruss. яскь (jetzt ящикъ) „Gefäß“.

8. In der Beschreibung des unglücklichen Kriegzuges Igor's gegen Konstantinopel vom Jahre 941 nennt LIUDPRAND's Chronik1) den Fürsten der „Russen“ 2) Inger, während Konstantin Porphyrogenetos den gleichen Namen "Tyyoo schreibt, was beweist, daß die slavische Wortform Игopь aus dem russischen" altostskandinavischen Ingvar stammt. Zum ersten Namenteil vgl. die skandinavischen Namen Inguildr, Ingialdr, Ingemarr, Ingimundr, Ingebiorg.

Der im Dialekt der Kiewer Slaven eingetretene Übergang des „russischen“ Namens Ingvar zu Пropь zeigt klar, daß zur Zeit Ingvars die von den „Russen" regierten Slaven keine Nasalvokale mehr besaßen, sondern an deren Stelle schon die reinen gedehnten Mundlaute ä und u sprachen: рätь „пять“, mäso „MяCO“, dubō „дубú“ < *dubʊ. Ingvar nahm die Regierung im Jahre 913 in seine Hände, die Bewohner von „Dereva“ (деревляне „Waldleute") ermordeten ihn im Jahre 945. Als Rurik (altostnordisch Roriker, altwestnordisch Hrörekr) 879 starb, hinterließ er Ingvar noch als Kind: Игopь бяше . молодъ вельми. Ипат. лзт.2 16. Die Öffentlichkeit konnte sich mit Ingvars Namen wohl erst vom Jahre 913 an bekannt machen, als er sich zum Herrscher der Slaven ausrief. Auf diese Art erscheint uns das Jahr 913 als die Zeit, wo die unter „russischer" Herrschaft befindlichen Slaven die alten „nasalen" Vokale nicht mehr besitzen.

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9. Nach den Berichten der Hypatios-Chronik (Ипат. лÈт.2 14) ließen sich die skandinavischen „Russen" (die Finnen benennen

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1) W. THOMSEN,Der Ursprung des Russ. Staates", Gotha 1879 S. 49. 2) Gens quaedam quam Graeci vocant Rusios, nos vero Nord

mannos.

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auch heute noch die Schweden mit dem Namen Ruotsi) im Jahre 862 unter den Slaven (in der Gegend von Nowgorod), den Weißrussen und Poljanen (Gegend von Kiew) nieder: „идошa sa море к Варягомъ к Руси, сіце бо захуть ты Варягы Русь, яко се друзии зовутся Свее, друзии же Оурмани, Аньгляне, инии Готе. Тако и си.“

Natürlich werden die damaligen Kriegszüge der russischen Waräger (Bapягы Русь) nach Rußland einige Zeit vor dem Jahre 862 begonnen haben. Im Jahre 862 setzen sich die schwedischen Waräger nach Bezwingung der Slaven endgültig in ihrer neuen Heimat fest. Die sogenannten „Annales Bertiani" (W. THOMSEN Ursprung des Russ. Staates 42, 43) kennen die „Russen" schon im Jahre 839. Damals führten die „Russen“, ein skandinavischer Volksstamm1), mit den Griechen Krieg.

10. Um die Mitte des IX. Jahrh. müssen die „nasalierten" Vokale und u in der Sprache der russischen Slaven noch vorhanden gewesen sein; denn nur die zu jener Zeit (839—862) in die Sprache der Slaven aufgenommenen skandinav. Wörter váringr (griech. várangos vertritt das Wort väräge der unter „russischer" Herrschaft lebenden Slaven, wo ä Nasallaut ist), *kulbingaR (später kylfingr, griech. xoúläiɣyos), ämbete (dän. embede), ankere (ahd. ankar), *mentil (-el) (schwed. mantel, ae. mentel), pund und sund konnten in die spätern Formen варягъ, кълбягъ (Volksname), ябеда und (älter) ябетьникъ, якорь, мятьль (später Nom. мятель, woher das lett. Wort mètelis E oder mè(r)tel's S „Mantel" stammt), пудъ und Судъ durch die Übergangsstufe varägъ (ü vertritt hier den nasalen Vokal), kölbägö, jäbeda und jäbetɩnikä, jäkorɩ, mätɩld, pudr und Sudo verwandelt werden.

Die in der ersten Hälfte des IX. Jahrh. aus den skandinavischen Wörtern vāringr und *kulbingr (kylfingr) übernommenen Wörter варягъ und кълбягъ zeigen, daß, wenn zur Zeit Ingvar's (913-945) in der Sprache der „russischen" Slaven noch Nasallaute vorhanden gewesen wären, das letztere Wort nicht in die Form Игopь, sondern *гopь hätte übergehen müssen. Daraus folgt, daß zur Zeit Ingvar's die Wörter var'egr, kõlb’ęgʊ, jękorь

1) Misit etiam cum eis quosdam qui se, id est gentem suam, Rhos vocari dicebant..... comperit eos gentis esse Suconum.

(e hier nasales ä) ihre „Nasalität“ schon verloren hatten und also schon var'ägö, kölb’ägö, jäkort (ä hier nicht nasaliert) ausgesprochen wurden.

Mit dem Namen der Galinder und Jatvinger (gens Jatvingorum, Jatvingi) müssen die russischen Slaven noch vor der Zeit Ingvar's, d. h. vor 913, bekannt geworden sein; denn nur wenn unsere Namen damals von den Slaven übernommen wurden, konnten sie zu den Formen golędo und jatvegs (ę nasales ä) werden, aus welchen später die Völkernamen голядь und ятвягъ hervorgingen.

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Den im Gouvernement Petersburg (in den Kreisen Petersburg, Carskoje Selo finn. Saari-moisio, Peterhof, Luga und Schlüsselburg) seßhaften finnischen Volkstamm inkeri (früher: Nom. inger, Gen. inkeren) nennt die Nowgoroder Chronik Ижеpa, Ижеряне. Der Volksname ist noch bis heute im Flußnamen Ижора (linksseitiger Nebenfluß der Newa) lebendig.

Den Ingriernamen (daraus der Name Ingermannland) müssen die Nowgoroder Slaven etwas später kennen gelernt haben als den der Waräger. Wäre der Name der Ingrier zu gleicher Zeit wie der der Waräger entlehnt, dann würden die Nowgoroder Slaven an Stelle von Ižora *Яжepa gesagt haben. Wie der aus der Form Ingvar stammende Name Igor vom Jahre 913 zeigt, kann die Bekanntschaft der Slaven mit den Ingriern (Ижeра) nicht viel weiter als in die erste Hälfte des X. Jahrh. zurückgehen.

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11. Wir kommen wieder auf pundùs und bìrkavas zurück. Zunächst haben wir schon festgestellt, daß diese beiden Wörter spätestens in der ersten Hälfte des X. Jahrh. nach Litauen gelangt sein müssen. Nachdem wir jetzt aber den Namen Igor-Ingvar kennen gelernt haben, müssen wir pundùs, und wegen dieses Wortes auch sein Seitenstück birkavas, aus dem zehnten ins neunte Jahrh. versetzen.

Gleich alt wie pundùs muß auch lénkas, Plur. lénkai „Pole" sein. Der Name lénkas wurde noch zu der Zeit aus der Sprache der Weißrussen übernommen, als diese noch lex (ę nasales ä) „ляxь“ sprachen. Die Polen (lénkai) selbst haben für sich diesen Namen nie angewendet, da sie einen andern Namen, nämlich —

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Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. I.

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polak, polanin (vgl. mało-, wielko-polanin), besaßen. Im gleichen Zeitalter werden die Litauer nicht nur mit dem Namen der Polen. sondern auch mit dem der Ungarn bekannt geworden sein.

Zu Anfang des IX. Jahrh. (bis 850) sprachen die „russischen“ Slaven den Namen Ungarn noch mit Nasallaut, also ugarino, Plur. ugore, aus. Aus ugar-ind „węgrzyn, угрéíы“ stammte das litauische Wort unguras1), welches noch Daukša im XVI. Jahrh. kennt: Wókieczių, Cziákų, Unguru, Lękų DPo. 457, 41, Ungurůse 443, 10, 16,in Ungarn", Rimę, Czękůsę, Ungurůsę, Angliói, Hiszpaniói 444, 7, ing' žemę Ungru 443, 5 (Druckfehler an Stelle von Unguru).

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Daukša's unguras können wir nicht aus dem deutschen Ungar ableiten, da weder Daukša noch sonst irgendwelche Litauer aus der deutschen Sprache Völkernamen entlehnt haben.

12. Die im Weißrussischen eingetretene Umänderung des Polotzker-Fürsten namens Ragwald (altisl. Rognvaldr) zu Poгúволодь könnte beweisen, daß zur Zeit der schwedischen Landnahme (839-862) von den Weißrussen noch karvā (kårvā), bardā, bergð, verdó, malka, dalta ausgesprochen worden sei und somit die „einvokaligen" Formen erst später, etwa vom Anfang des IX. Jahrh. an, in diejenigen mit „Vollaut": корова, борода, берегъ, вередь, молоко, долото übergegangen wären. Doch können wir uns auf den Namen Rogvolod nicht durchaus verlassen; denn die eigenen Namen, wie z. В. Вьсеволодъ, Яволодъ, konnten die Form Рогúвольдь (zum Ursprung der ь-Vokale vgl. die altruss. Wörter олътарь, онътонъ, altbulg. кинъсъ) in Рогьволодь иmändern. Die altnord. Namen Nógarðr (lat. Nogardia, ahd. Nôgarden, Nougarten Izv. XI 3, 15) und Palteskia (1. c. 6) liefern keinen Beweis für die Annahme, daß zur Zeit der russisch-warägischen Landnahme (839-862) die Städtenamen Новъгородь und Полотьскъ noch kein zweites o nach r und gehabt hätten, d. h. noch als Novogordo (oder Nåvigårdь) oder Poltьsko (Påltьskь) gesprochen worden wären. Mit dem Namen Nowgorod konnten die Skandinavier durch die Finnen bekannt werden und mit Polotsk durch die Letten, welche mit den Weiß

1) Der Akzent ist mir unbekannt. Vermutungsweise setze ich gestoßeneu.

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